Dienstag, 13 Dezember 2016 13:01

Aus der SZ: Inklusion trifft Integration

Laura Fürst sitzt in ihrem Rollstuhl inmitten zwölf anderer Rollstuhlfahrer und erklärt, wie man das Gerät in Bewegung setzt. Die 25-Jährige ist zunächst die einzige in dieser Runde, die weiß, wie das geht. Seit einem Unfall mit einem Snowmobil vor acht Jahren in Michigan/USA ist sie querschnittsgelähmt. Seither spielt sie in München Rollstuhlbasketball. Bei den Paralympics in diesem Jahr in Rio gewann sie mit dem deutschen Team Silber. Die Medaille hat sie nicht dabei, als sie am Mittwoch nach Fürstenfeldbruck kommt, dafür aber viel Freude am Erklären ihrer Sportart.

 

Junge Flüchtlinge versuchen sich in Rollstuhlbasketball (Foto: Günther Reger)

 

Laura Fürst ist sozusagen der Inklusionsteil des Brucker Berufsschulprojekts "Inklusion meets Integration". Fürst und Katharina Lang, ihre Teamkollegin vom Verein Rollstuhlbasketball (RBB) München, haben zwölf Rollstühle in die Wittelsbacher Halle mitgebracht. Junge Asylbewerber aus drei Berufsintegrationsklassen der Berufsschule dürfen während ihres Sportunterrichts mit der Nationalspielerin Rollstuhlbasketball spielen. "Es geht darum, den Flüchtlingen nicht nur die deutsche Sprache und Mathe oder EDV zu vermitteln, sondern auch ihre Sozialkompetenz zu stärken", sagt Lehrerin Anja Wöldering, die zusammen mit ihrem Kollegen Ulrich Haderer den Unterricht überwacht. Rollstuhlbasketball ist eine Sportart, die Behinderte und Nichtbehinderte zusammen ausüben können. Dabei ist der Rollstuhl für jene, die ein Handicap haben, ein Hilfsmittel, vor allem aber ist er einfach ein Sportgerät - wie etwa ein Fahrrad auch. Zwischen 5000 und 6000 Euro kostet so ein Sportrollstuhl, er wird individuell für den jeweiligen Sportler angefertigt.

 

Wie das geht, zeigen ihnen Laura Fürst (rechts), Paralympics-Silbermedaillengewinnerin, und Katharina Lang (Foto: Günther Reger)

 

Indes macht Laura Fürst vor, wie man einen Rollstuhl mittels Armkraft in Bewegung setzt. Die jungen Flüchtlinge, die an diesem Vormittag mit ihr üben dürfen, unternehmen ihre ersten Versuche, sich mit dem unbekannten Sportgerät fortzubewegen und einen aus Hütchen gebildeten Parcours zu umfahren. Bremsen, beschleunigen, sich drehen, all das will gelernt und geübt sein. Den Schülern - junge Männer zwischen 16 und 21 Jahren und überwiegend aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia stammend - gelingt das schnell. "Sie sind sportlich alle sehr fit", stellt Fürst fest. Dann kommt der Ball ins Spiel, die Anforderungen werden schwieriger. Fürst macht die Übung vor: um die Hütchen rumfahren und zwischendurch den Ball prellen. Nächste Übung: mit dem Rollstuhl unter den Korb fahren und den Ball auf - im Idealfall in - den Korb werfen.

 

Die Einführung ist gemacht, jetzt geht es ans Spiel. Die zwölf jungen Asylbewerber werden in zwei Teams eingeteilt, sechs von ihnen müssen ein hellgrünes Band um den Oberkörper legen, damit die Mannschaftszugehörigkeit sichtbar wird. Dann wird es auf einmal richtig laut. Es geht hin und her - 1:0, 1:1, 2:2, 4:4 -, die Teams sind offenbar annähernd gleich stark und haben sich schnell in die neue, bislang unbekannte Sportart eingefunden. Sie sollten dabei auch lernen, "dass es viel einfacher ist, wenn man den Ball abgibt", sagt Anja Wöldering. Denn der Teamgedanke ist bei den Zuwanderern häufig nicht sonderlich ausgeprägt, haben sich viele von ihnen auf der Flucht doch allein durchschlagen müssen. Doch "das Miteinander funktioniert sehr gut hier", meint Laura Fürst.

 

Am Ende gewinnt die Mannschaft mit den hellgrünen Bändern knapp 5:4. Als die beiden Lehrkräfte die Partie abpfeifen, bricht Jubel bei den Siegern aus, sie klatschen einander ab. "Wir haben gewonnen", ruft einer der jungen Flüchtlinge laut. Anja Wöldering kündigt noch an, dass man gemeinsam ein Punktspiel der Münchner Rollstuhlbasketballer besuchen wolle, dann ist Gelegenheit für die Schüler, Selfies mit Nationalspielerin Fürst zu machen. Ja, das sei alles sehr neu gewesen, bestätigt Kesete Habte, einer der Schüler, auf deutsch. Er sei erstmals in einem "Rolli" gesessen. Youssuf Arabzadah reibt sich derweil die Hände, die ein bisschen schmerzen, und wundert sich, "wie das bei den Profis ist. Da dauert das Spiel eine Stunde oder zwei Stunden. Wir haben nur 15 Minuten gespielt und sind jetzt müde." Er grinst und fügt noch an, dass er jetzt "keine Kraft mehr hat zum Schreiben".

 

Von Heike Batzer, Süddeutsche Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/fuerstenfeldbruck/fuerstenfeldbruck-inklusion-trifft-integration-1.3286455

Letzte Änderung am Mittwoch, 14 Dezember 2016 11:57