Donnerstag, 23 Juli 2015 10:35

„Man hat mich ja nicht gefragt, was ich glauben will!"

Alle Plätze waren belegt und alle Schüler/innen und anwesenden Lehrkräfte der Staatlichen Berufsschule Fürstenfeldbruck schwiegen. Ja, es war nichts zu hören außer der Stimme des überlebenden Zeitzeugen der Schrecken der Nazi-Herrschaft. Herr Naor, ein sympathischer und redegewandter „Mittachtziger“ – das dürfen wir so sagen, denn wir konnten sein wahres Alter nicht glauben - begann seine Erzählung am 6.7.2015 - er legte Wert darauf, dass es sich um keinen Vortrag handelte - mit seiner Kindheit im Alter von 13 Jahren, als er in Kauna (Litauen) aus heiterem Himmel mit seiner Familie, zwei Brüdern, seiner Mutter und seinem Vater zunächst das Haus verlassen musste, zig Kilometer bei Tag und bei Nacht ohne Nahrung laufen musste, später jedoch wieder in den Ort mit den zuvor „friedlichen Nachbarn“ in ein Ghetto zurückkehren konnte. Als erstes schlimmes Erlebnis berichtet er vom Erschießen seines älteren Bruders, nur weil dieser von seiner Mutter außerhalb der erlaubten Einkaufszeiten zum Besorgen von Lebensmitteln geschickt wurde. Der Judenhass steigerte sich allmählich von 1941 bis 45 stetig. Dabei durften keine Geschäfte mehr betreten werden, es wurden Bücher verbrannt, Wertgegenstände eingesammelt, es mussten Judensterne getragen werden, sie wurden in Viehwagen abtransportiert, zigtausende verhungerten, wurden zum Arbeiten gezwungen und Millionen getötet. Seine Angehörigen und er wurden zunächst in das KZ Stutthof gebracht. Später kam er in mehrere Arbeitslager zusammen mit anderen Juden und seiner Mutter mit dem Kleinsten. Der Vater war bald von der Familie getrennt. Er erzählte beeindruckend, wie ein rechter oder linker Daumen über sein Schicksal weiter entschied und er am Leben bleiben konnte. Der schlimmste Tag in seinem Leben war der 26. Juli 1944, als sein kleiner Bruder und seine Mutter nach Auschwitz abtransportiert wurden. „Hat sie ihn noch hochgehoben, als er weinte oder konnten sie schnell sterben?“ – so waren die Gedanken von Abba Naor. Später musste er als Jugendlicher in verschiedenen Arbeitslagern mit kaum etwas zum Essen und unter äußerst schlechten hygienischen Bedingungen für die Nazis arbeiten. Darüber hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Ich sang für die SS“, erschienen im Beck-Verlag. Er wollte noch einmal seinen Vater sehen, weshalb er sich von Utting a. Ammersee freiwillig in das berüchtigte Außenlager nach Kaufering meldete, wobei er auch durch Fürstenfeldbruck marschieren musste - 9 Tage ohne Essen und Trinken. Er aß am Wegrand Gras  - „ja, es schmeckte gar nicht so schlecht“, wie er den zu Tränen gerührten Jugendlichen erzählte. Sein Vater fand ihn jedoch erst viel später nach der Befreiung wieder. Der schon früh erwachsen gewordene Junge wanderte nach Israel aus und kämpfte dort im Unabhängigkeitskrieg. Nach ca. einen halb Stunden konnten die Schüler/innen einige Fragen stellen und ihre Gedanken äußern. So wunderten sich einige, dass der Zeitzeuge trotz seiner Erlebnisse noch so viel Lebensfreude ausstrahlt und dieser keinen Zorn gegenüber den Deutschen empfindet. Dazu wandte er sich an die jungen Leute mit den Worten: „Jeder Geburtstag meiner Enkel und Urenkel ist ein Sieg über die Nazis!“ „Das Leben ist ein Geschenk, macht etwas aus eurem Leben und genießt es!“ Er hält im Jahr ca. 120 Vorträge, oft an Schulen, damit so etwas nie wieder geschieht. „Sollte ich einen jungen Menschen heute erreicht haben, der sich seinen Kopf nach rechts verdrehen lässt und ihn jetzt wieder gerade hält, dann habe ich heute mein Ziel erreicht“, so Herr Naor. Und noch eins: „Lernt was ihr könnt und geht gern zur Schule“!

Die Klassen IT11c (IT-Systemelektroniker), WV11c und WV10a (Verkäufer und Einzelhändler) bedankten sich mit einem kleinen Präsent beim Redner sehr herzlich.

Frau Petra Mayer, Ethik- und Klassenlehrerin der WV10a, wies die Jugendlichen nochmal eindringlich darauf hin, dass sie nicht vergessen sollen, dass es leider nach dem Holocaust in Deutschland immer noch KZ und Gräueltaten auf der Welt gab und gibt. Sie sollten es besser machen und mit geradem Kopf durchs Leben gehen.